Open Letter to a Chinese Painter
Sehr geehrte Frau Ling,( als Malerin bekannt unter dem Namen Wu Ming),
Neulich habe ich einen sehr kurzen Besuch in Ihrer Galerie abgestattet.
Wir haben uns gegenseitig duch “Name-Dropping” vorgestellt. Ich unter der Erwaehnug des vor kurzem verstorbenen chinesischen Malers Wu Guanzhong, Sie unter Nennung eines der groessten Genies in der europaeischen Kunst: “Giotto”.
Ich mag Ihrer Bilder. (Obwohl ich sie nicht so recht als ‘chinesisch’ erkennen kann. Derart Abstrahierendes ist in China noch weitgehend unbekannt.)
Dass in China ‘das von Hand Gemalte’ immer einen hohen Rang einnahm, brauchen ich nicht extra zu erwaehnen.
Ich las darauf den Artikel ueber die nicht zu uebersehenden Einfluesse der augenblicklichen westlichen Kunst auf die juengere Kuenstlergeneration in China. (Sie sprechen von einem ‘Epigonentum’.) Nach der grossen Wende halte ich das fuer ganz natuerlich. Der Westen und ganz speziell Amerika hat ja durch die fast hermetischen Abriegelung Chinas vom Rest der Welt auf die jungen Menschen eine unglaubliche Anziehungskraft ausgeuebt.
Was es da jedoch zu “entlarven” gibt, ist mir unklar und gibt mir zu denken.
Der Jargon erinnert an die unsaegliche ‘Kulturrevolution’. Entlarvt wurden damals ‘Volksschaedlinge’ und anderes Minderwertiges, das aussortiert weden sollte.
Ist das ein neuer nationalistisch eingefaerbter offiziell gebilligter Trend in der Volksrepublik, der sich so negativ verbalisiert? Dieses forcierte ‘Sichzurueckbesinnensollen’ auf alte chinesischen Mal- und Denkmuster?
(Eine Entwicklung, die ein Kuenstler wie Ai Weiwei in agressiver Weise am eigenen Leib zu spueren bekommt?!)
Solten wir nicht alle - die Kuenstler im Westen wie im Osten - daran arbeiten, einen neuen Weltbuerger zu erfinden? In einer Zeit, in der die unglaubliche Moeglichkeit existiert, alle Kulturgueter, die jemals geschaffen wurden als Besitz der ganzen Menschheit in sich aufzunehmen und zu verarbeiten?
So wie Sie als gebuertige Chinesin den Giotto - und sicher auch sein Werk - kennen und ich den grossen Guo Xi. Intellektuelle Erfahrungen , die uns bereichern.
Das, denke ich, ist das eigentlich Befreiende, Individualisierende und Entideologisierende.
mit sehr freundlichem Gruss,
Horst Basse.
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